Alzheimer – Wenn die Erinnerungen verblassen
Täglich verlaufen sich dutzende Menschen im Berliner Großstadt-Dschungel. Verwechseln Straßen, finden den Eingang zur U-Bahn nicht. So erging es auch Dr. Andreas G. (Name durch die Redaktion geändert), der sich im hektischen Treiben der Hauptstadt immer öfter verirrte – obwohl er dort seit Jahren lebt. Doch es soll nicht der einzige Vorfall dieser Art bleiben. Mit der Zeit stellte der damals 64-jährige Theologe weitere Veränderungen an sich und seinem Verhalten fest. Die Erinnerungen gerieten zunehmend durcheinander, und das klare Denken fiel ihm immer schwerer.
Alzheimer – die häufigste Form einer Demenz
Im Januar 2022 vertraut er sich seiner Ehefrau an, erzählt ihr von den zunehmenden Schwierigkeiten sich Inhalte zu merken, sich zu orientieren und wie ihn diese Situationen beschäftigen. Auch sie hatte bemerkt, dass ihr Mann öfter gereizt, verwirrt und desorientiert war. Es ist der Moment, an dem beide zum ersten Mal an Alzheimer denken. Die Alzheimer-Krankheit stellt die häufigste und bekannteste Form einer Demenz dar. Dabei kommt es zu Ablagerungen von Eiweißen im Gehirn, die zu einem fortschreitenden Verlust der Nervenzellen führen. Dieser Verlust bringt häufig Orientierungsprobleme mit sich, Betroffene leiden insbesondere zu Beginn der Erkrankung unter einem gestörten Kurzzeitgedächtnis, häufig kann der Alltag nicht mehr selbstständig bewältigt werden.
Der Weg zur Diagnose
Getrieben von der Frage: „Was ist mit mir los?“, suchte Herr G. eine Psychologin auf, die seine Symptome zunächst einer Depression zuordnet. Also doch keine Demenz? Gewissheit brachten dann die Untersuchungen in einer Gedächtnissprechstunde sowie eine Lumbalpunktion. Dabei wird Hirnwasser durch die Wirbelsäule entnommen und im Labor analysiert. „Es fühlte sich an wie die Wahl zwischen Pest oder Cholera“, erinnert sich Herr G. zurück an das Warten auf die Ergebnisse.
Die Diagnose ist eindeutig: Alzheimer
Obwohl die Diagnose Alzheimer für die gesamte Familie nicht überraschend kam, fällt es Herrn G. schwer, diese zu akzeptieren: „Mit der Diagnose hatte ich dennoch sehr zu kämpfen und mir unzählige Male die Frage stellt: Warum ich?“ Doch nicht nur er hat mit der Situation zu kämpfen, auch seine Familie leidet unter der Erkrankung, die so viele Veränderungen im Alltag, und vor allem in der zwischenmenschlichen Beziehung mit sich bringt. Der Theologe geht trotz der Diagnose weitere sechs Monate seiner Arbeit nach, bevor er sich 2023 in die Rente zurückzieht und im Anschluss in ein tiefes Loch der Antriebslosigkeit fällt. Gegen die Demenz erhält er von seinen behandelnden Ärzten unterschiedliche Medikamente, wie beispielsweise einen Cholinesterasehemmer und ein Gingko-Präparat. Ergänzend sucht er Hilfe mit Psycho- und Ergotherapie, geht regelmäßig zum Sport. Doch von Monat zu Monat raubt ihm die Erkrankung Stück für Stück seine Selbstständigkeit. Dass die Demenz weiter voranschreitet, bestätigen auch die Werte bei einer Kontrolluntersuchung. Seine Frau erinnert sich an diese dunkle Zeit zurück: „Andreas war immer ein leistungsorientierter Mensch und das war auf einmal alles weg. Er hat nicht mehr am Familienleben teilgenommen, hat sich vermehrt zurückgezogen.“
Lichtblick transkranielle Pulsstimulation (TPS)
Seine Tochter erfährt, dass die Klinik für Neurologie und Klinische Neuropsychologie am Klinikum Ernst von Bergmann eine bestimmte Behandlung für Alzheimer-Patient*innen anbietet und nimmt im Herbst 2024 Kontakt mit der Klinik auf. Nach einer ausführlichen Diagnostik durch das Team der Klinik steht fest, dass Herr G. grundsätzlich für die transkranielle Pulsstimulation (TPS) geeignet ist. Die TPS ist eine neue Behandlungsform bei Patient*innen mit leichter bis mittelschwerer Demenz. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass die TPS bislang keine Regelversorgungsleistung ist und die Betroffenen die Kosten selbst tragen müssen. Die Evidenz dieses neuen Verfahrens ist als lediglich gering einzuordnen und eine Verbesserung der Symptome ist nicht gesichert. Bei der TPS werden in ambulanten Therapiesitzungen Hirnregionen mit Stoßwellen gezielt stimuliert, um kognitive Fähigkeiten zu fördern. Dabei können Verbesserungen in Sprache und Gedächtnis erzielt werden. Nach Abschluss der Untersuchungen und ausführlicher Information über das Verfahren, entscheidet sich die Familie für die TPS. „Für uns stand sofort fest: Das machen wir. Wir werden alles versuchen, dass es meinem Mann und uns als Familie wieder besser geht“, erinnert sich seine Ehefrau.
Transkranielle Pulsstimulation (TPS)
Bei der TPS handelt es sich um ein nicht-invasives Neuromodulationsverfahren, das bei der leichten und mittelschweren Alzheimer-Demenz zur Anwendung kommen kann. Die heute verfügbare Evidenz zum Nutzen dieses Verfahrens ist noch als gering einzuordnen. Eine Anwendung in der Regelversorgung findet bislang nicht statt, so dass die Kosten durch die Betroffenen selbst getragen werden müssen.
„Bevor wir mit einer Behandlung beginnen überprüfen wir die Ein-/Ausschusskriterien für die TPS und klären detailliert über die aktuelle Studienlage mit noch geringer Evidenz sowie mögliche Nebenwirkungen auf. Insgesamt ist die TPS ein sicheres und unkompliziertes nicht-invasives Neuromodulationsverfahren, das vermehrt klinische Anwendung findet und zunehmend Aufmerksamkeit erfährt“, erklärt Prof. Dr. med. Martin Südmeyer, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neuropsychologie. „Die Behandlung findet in unserer Klinik ambulant statt.“
Bei der transkraniellen Pulsstimulation werden gezielt Hirnregionen mit Stoßwellen stimuliert, um kognitive Fähigkeiten zu verbessern.
Vor Beginn der ersten Therapiesitzung werden eine umfassende neurologische und neuropsychologische Untersuchung sowie eine Gehirnstrommessung durchgeführt. Bevor die TPS beginnt, wird Ultraschallgel auf die Kopfhaut bzw. die Haare aufgetragen, um eine optimale Übertragung der Pulse zu ermöglichen. Eine Therapiesitzung dauert in der Regel etwa 30 Minuten. Die erste TPS-Behandlungsserie umfasst sechs Sitzungen, die innerhalb von zwei Wochen stattfinden. Anschließend kann alle vier Wochen eine Auffrischungsbehandlung erfolgen. So auch bei Herrn G.. Die Therapie schlägt bei ihm erfreulicherweise spürbar an, und er fühlt sich orientierter und in den Gedankengängen klarer. „Dass die Alzheimer-Krankheit bislang als nicht heilbar gilt, müssen wir akzeptieren.
Dennoch stellen Verfahren wie die TPS eine Chance dar, individuelle Erfolge zu erzielen und können insofern genutzt werden, jedoch nur unter fachkompetenter Aufsicht und neurologisch-wissenschaftlicher Beobachtung“, betont der Neurologe.
Endlich wieder aktiv am Leben teilnehmen
Herr G. hat inzwischen wieder Interesse an Büchern, schreibt Texte für Vorträge und nimmt aktiv am Leben teil. Das fällt nicht nur ihm und seiner Familie auf, auch sein Umfeld bemerkt, das sich sein Zustand verbessert hat. Er ist froh, dass er von der Behandlung profitiert, geht mit seiner Frau auf Reisen und schöpft neue Hoffnung aus den alten Erzählungen der Bibel. Diese haben ihm gelehrt, dass es die Chance gibt, Verlorenes wieder zu finden und neu in die Zukunft zu blicken: „Meine Familie hatte eine Zeit lang extreme Sorgen, sobald ich alleine unterwegs war. Aber heute fühle ich mich wieder fit und fahre alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin zum Sport.“ Doch trotz der großen Freude über die wiedererlangte Selbstständigkeit und Aktivität des Mannes, betont die Ehefrau: „Man darf jetzt nicht so tun, als wäre die Krankheit geheilt. Sie ist immer noch da und wird sich auch wieder verstärken.“ Die Behandlung jedoch hat Herrn G. und seiner Familie ermöglicht, Momente wieder bewusst zu erleben und zu genießen.
Wir bedanken uns vielmals bei Herrn G. und seiner Frau für das interessante Gespräch und den Einblick in Ihre Geschichte. Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute und viel Gesundheit.