Potsdam, 22. Mai 2026

Mehrere Läufer mit Startnummern laufen auf einem von Bäumen gesäumten Waldweg

Regelmäßige Bewegung schützt das Herz und senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkankungen erheblich.

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Die Laufsaison ist in vollem Gange. Viele Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer schnüren wieder ihre Laufschuhe und bereiten sich auf den nächsten großen Lauf vor. Damit Sie gesund in Bewegung bleiben, hat unser Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Prof. Dr. med. Klaus Bonaventura, Arzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Intensivmedizin und Sportmedizin wertvolle Tipps.

Sind Lauf- und Sportveranstaltungen für Hobbysportler*innen potenziell gefährlich, weil sich überschätzen?

„Laufevents und ähnliche Veranstaltungen sind grundsätzlich etwas sehr Positives. Sie bringen Menschen in Bewegung, stärken den Teamgeist und können eine Motivation sein, wieder regelmäßiger Sport zu treiben. Sport ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Trotzdem muss man sagen: Auch ein scheinbar kurzer Lauf über fünf Kilometer kann für einzelne Teilnehmende gefährlich werden, wenn sie untrainiert sind, sich überschätzen oder bereits eine unerkannte Herzerkrankung haben. Gerade bei Firmenläufen kommt eine besondere Situation hinzu. Viele Teilnehmende laufen nicht nur für sich, sondern im Kollegenkreis, vor Zuschauern, mit Startnummer und Zeitmessung. Dadurch entsteht schnell ein gewisser Ehrgeiz. Manche laufen dann schneller, als sie es im Training tun würden, oder starten überhaupt ohne ausreichende Vorbereitung. Dieser Gruppendruck kann dazu führen, dass Warnsignale des Körpers übergangen werden. Wer Brustdruck, ungewöhnliche Luftnot, Schwindel, Herzrasen oder einen plötzlichen Leistungsknick bemerkt, sollte nicht „durchziehen“, sondern sofort langsamer werden, stehen bleiben und Hilfe holen."

Welche Rolle spielen Stress oder Adrenalin bei Sportveranstaltungen?

„Stress und Aufregung spielen bei Lauf- und Sportveranstaltungen ebenfalls eine Rolle. Vor dem Start ist der Körper gerade bei Freizeitsportlern in einer Art Alarmzustand: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt und der Körper schüttet Stresshormone aus. Das ist zunächst eine normale Reaktion. Bei einem gesunden, trainierten Menschen ist das in der Regel kein Problem. Bei jemandem mit verengten Herzkranzgefäßen oder einer anderen Herzerkrankung kann diese Zusatzbelastung aber zum Auslöser werden. Das Herz braucht dann plötzlich mehr Sauerstoff, bekommt ihn aber möglicherweise nicht ausreichend. Außerdem wird das Herz durch Stresshormone elektrisch reizbarer, sodass gefährliche Herzrhythmusstörungen leichter entstehen können."

Wie kommt es zu dem plötzlichen Herztod?

„Der plötzliche Herztod entsteht meistens dadurch, dass das Herz nicht mehr geordnet schlägt. Statt regelmäßig Blut in den Körper zu pumpen, gerät es in ein chaotisches elektrisches Flimmern, dem sogenannten Kammerflimmern. Dann kommt kein wirksamer Kreislauf mehr zustande. Die oder der Betroffene wird innerhalb von Sekunden bewusstlos und atmet nicht mehr normal. In dieser Situation zählt jede Minute. Entscheidend sind sofortige Herzdruckmassage und ein Defibrillator, also ein Gerät, das mit einem Stromstoß den normalen Herzrhythmus wiederherstellen kann. Deshalb sind öffentlich zugängliche Defibrillatoren und geschulte Ersthelfende bei Sportveranstaltungen so wichtig.

Bei Menschen im mittleren und höheren Lebensalter ist die häufigste Ursache eine Erkrankung der Herzkranzgefäße. Diese Gefäße versorgen den Herzmuskel mit Blut. Wenn sie durch Ablagerungen verengt sind, kann dies unter starker Belastung zu einer Mangeldurchblutung des Herzens führen. Manchmal reißt auch eine solche Ablagerung in der Gefäßwand ein, es bildet sich ein Blutgerinnsel, und es kommt zu einem Herzinfarkt. Ein Herzinfarkt kann wiederum schwere Herzrhythmusstörungen auslösen. Bei jüngeren Sportlerinnen und Sportlern liegen häufiger andere Ursachen zugrunde, zum Beispiel eine Herzmuskelentzündung nach einem Infekt, angeborene Herzerkrankungen oder seltene elektrische Störungen des Herzens."

Welche Erfahrungen machen Sie im Klinikum mit Notfällen, die in Zusammenhang mit Sport stehen?

„Im Klinikum sehen wir bei Sport-assoziierten Notfällen verschiedene Bilder. Häufig sind es akute Durchblutungsstörungen des Herzens, also Herzinfarkte oder Vorstufen davon. Wir sehen aber auch gefährliche Herzrhythmusstörungen, Ohnmachtsanfälle unter Belastung, Herzklappenerkrankungen, stark entgleisten Blutdruck oder Herzmuskelentzündungen, die durch Sport verschlimmert wurden. Besonders wichtig ist dann die genaue Aufarbeitung: Gab es vorher Warnzeichen? Bestehen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette oder Rauchen? Gab es plötzliche Todesfälle in der Familie? Hatte die Patientin oder der Patient kürzlich einen Infekt? Davon hängt ab, welche Untersuchungen notwendig sind und in welchem Umfang Sport wieder empfohlen werden kann."

Was sind die größten Risikofaktoren für Hobbysportlerinnen und -sportler?

„Die größten Risikofaktoren für Amateursportlerinnen und -sportler sind ein höheres Alter, männliches Geschlecht, Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Übergewicht, erhöhte Cholesterinwerte und eine familiäre Vorbelastung. Besonders gefährlich ist die Kombination aus mehreren dieser Faktoren und einer ungewohnten hohen Belastung. Ein weiterer wichtiger Punkt sind Infekte. Wer Fieber hat, sich krank fühlt oder gerade einen viralen Infekt überstanden hat, sollte keinen Wettkampf laufen. Sport während oder kurz nach einem Infekt kann das Herz zusätzlich belasten und in seltenen Fällen eine Herzmuskelentzündung verschlimmern."

Wie können sich Sportlerinnen und Sportler schützen?

„Schützen können sich Sportlerinnen und Sportler vor allem durch eine realistische Selbsteinschätzung. Die Teilnahme an einer Laufveranstaltung sollte nicht der erste Lauf seit Monaten sein. Wer fünf Kilometer laufen möchte, sollte vorher regelmäßig trainieren und die Distanz in einem Tempo schaffen, bei dem er sich sicher fühlt. Am Veranstaltungstag sollte man nicht plötzlich deutlich schneller laufen als im Training. Menschen ab etwa 45 bis 50 Jahren, besonders wenn Risikofaktoren bestehen, sollten vor intensiveren sportlichen Belastungen einen ärztlichen Check-up machen lassen. Dazu gehören eine sorgfältige Befragung, Blutdruckmessung und je nach Situation weitere Untersuchungen wie ein EKG, eine Belastungsuntersuchung oder ein Herzultraschall. Wichtig ist auch, Warnzeichen ernst zu nehmen. Brustenge, Druck im Brustkorb, Schmerzen mit Ausstrahlung in Arm, Rücken, Hals oder Kiefer, ungewohnte Atemnot, Schwindel, Ohnmacht oder plötzliches Herzrasen sind keine normalen Trainingsbeschwerden. Wer solche Symptome hat, sollte nicht starten oder den Lauf sofort abbrechen. Es ist besser, einmal zu vorsichtig zu sein, als ein ernstes Warnsignal zu übergehen."

Welche Rolle spielt das Wetter?

„Auch das Wetter spielt eine erhebliche Rolle: Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit belasten den Kreislauf zusätzlich. Der Körper muss dann nicht nur die Laufleistung erbringen, sondern auch Wärme abgeben. Das Herz schlägt schneller, man verliert Flüssigkeit und Salze, und der Kreislauf kann instabil werden. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, untrainierte Teilnehmernde und Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch bestimmte Medikamente können die Anpassung an Hitze erschweren. Kälte kann ebenfalls problematisch sein, weil sie den Blutdruck erhöht und die Gefäße enger stellt. Bei Menschen mit verengten Herzkranzgefäßen kann auch das Beschwerden auslösen.

Die wichtigste Botschaft ist: die Teilnahme an Lauf- und Sportveranstaltungen sind nicht das Problem. Das Problem entsteht, wenn Menschen mit unerkannter Erkrankung, unzureichender Vorbereitung, falschem Ehrgeiz oder trotz Warnzeichen an ihre Grenze oder darüber hinaus gehen. Regelmäßige Bewegung schützt das Herz und senkt das Risiko erheblich. Plötzliche, ungewohnte Höchstbelastung kann dagegen bei gefährdeten Personen ein Risiko darstellen. Deshalb braucht es Vorbereitung, medizinische Abklärung bei Risikopersonen, Aufmerksamkeit für Warnsymptome und eine gute Notfallorganisation vor Ort. Dann überwiegt eindeutig der gesundheitliche Nutzen solcher Veranstaltungen."