Hüftdysplasie – eine unentdeckte Fehlstellung
Das Ziel vor Augen: Teilnahme am Potsdamer Firmenlauf
Gemeinsam mit den Kolleg*innen voller Stolz über die Ziellinie rennen: das ist Anfang 2023 der große Traum von Laura Auras. Sie hat sich fest in den Kopf gesetzt, im Mai am fünf Kilometer langen Potsdamer Firmenlauf teilzunehmen und trainiert dafür zweimal pro Woche. Ein treuer Begleiter: der Muskelkater. Für die heute 31-jährige ist klar woran es liegt: „Hab‘ halt ewig keinen Sport gemacht“.
Doch die stechenden Schmerzen bleiben. Frau Auras zieht für sich die Konsequenz, einfach nicht mehr so häufig die Laufschuhe zu schnüren, um dem Körper etwas Ruhe zu gönnen. Sie nimmt dennoch am Firmenlauf teil und läuft ihre persönliche Bestzeit.
Das Ziel ist erreicht, doch die Schmerzen bleiben
Was nach dem Firmenlauf geblieben ist, war neben der Freude über das erreichte Ziel auch der Schmerz. Die Potsdamerin kann diesen gut lokalisieren: „ein Stechen in der rechten Leiste“. Sie packt die Laufschuhe in den Schrank und merkt, wie die Beschwerden nur langsam nachlassen. Es dauert nicht lange, da entwickelt sich das Stechen in der Hüfte zu einem dauerhaften Begleiter. Für Frau Auras fühlt sich der Schmerz nach einem eingeklemmten Nerv an. Während eines Kur-Aufenthalts äußert ein Physiotherapeut den Verdacht, dass eventuell die Hüfte das Problem ist. Sie stellt sich daraufhin bei einer niedergelassenen Orthopädin vor. MRT-Aufnahmen sollen endlich Klarheit zum Ursprung der Beschwerden bringen.
Die Diagnose ist eindeutig: Schwere Hüftdysplasie plus Gelenkentzündung. Für die Potsdamerin ist dies ein unerwarteter Befund, da es sich bei einer Hüftdysplasie um eine angeborene Fehlstellung der Hüfte handelt und sie somit seit ihrer Geburt unentdeckt an dieser Kindererkrankung leidet.
Chirurgischer Eingriff ist notwendig
Nachdem der erste Schock verdaut ist, wird zunächst die Gelenkentzündung mittels Entzündungshemmer behandelt. Das stechende Ziehen in der Hüfte weicht einem dumpfen, dauerhaften Schmerz, der durch normales Gehen im Alltag verstärkt wird. „Meine tägliche Wegstrecke wurde immer schmerzhafter. Ich konnte maximal einen Kilometer am Stück laufen. Dann wurden die Beschwerden zu groß und ich brauchte eine Pause“, erinnert sich die 31-jährige. Im Oktober 2023 hatte sie den ersten Termin in der Klinik für Orthopädie bei Chefarzt Prof. Dr. med. Jörg Schröder. Der Chirurg ist auf Hüfterkrankungen spezialisiert und sieht Handlungsbedarf.
„Bei einer angeborenen Dysplasie ist das Hüftgelenk durch eine unzureichende Verknöcherung nicht richtig ausgeformt. Der Gelenkkopf wird dadurch zu wenig von der Gelenkpfanne abgedeckt und es kommt zu einer Überbelastung und Mikroinstabilität. Diese führt neben den Schmerzen auch zu einem deutlich verfrühten Gelenkverschleiß, der Arthrose. Im Fall von Frau Auras lag eine schwere Dysplasie vor. Der Hüftkopf hat sich hier bereits nach außen verschoben, sodass schon eine Makroinstabilität vorlag. Wir haben unserer Patientin deshalb zu einer Beckenosteotomie geraten, da wir durch ein Schwenken der Hüftpfanne die Biomechanik und die Gelenkstabilität rekonstruieren und so das Gelenk erhalten können.“
Prof. Dr. med. Jörg Schröder, Chefarzt der Klinik für Orthopädie
Da mittlerweile jeder Schritt schmerzt und die Mobilität stark eingeschränkt ist, entscheidet sich Frau Auras für den chirurgischen Eingriff, der Ende November 2023 im Klinikum EvB stattfindet.
Operation mit nur kleinen Schnitten
Im Prinzip ist die Operation einfach erklärt: Durch einen zehn Zentimeter kurzen Hautschnitt in der Leiste, wird die Hüftpfanne aus dem Becken herausgelöst und über den Hüftkopf geschwenkt. Anschließend wird sie in der neu ausgerichteten Position mit Schrauben fixiert. Sofern diese im Alltag nicht stören, können sie ein Leben lang im Knochen verbleiben. Da bei Operationen am Becken generell mit einem erhöhten Blutverlust zu rechnen ist, kommt bei solchen Eingriffen die Maschinelle Autotransfusion (MAT) zum Einsatz. Dieses Verfahren steht im KEvB bei jedem operativen Eingriff sowie bei Notoperationen zur Verfügung. Dabei kann während eines Eingriffes das Blut der Patient*innen aufgefangen, gewaschen und retransfundiert werden. Dadurch lässt sich der Bedarf an Fremdblutkonserven signifikant reduzieren und große Blutverluste verringern. Bei Beckenosteotomien wird nur bei etwa jedem fünften Fall tatsächlich eine Eigenbluttransfusion durchgeführt; Fremdblutgaben lassen sich damit in aller Regel komplett vermeiden.
Behutsamer Start nach Operation
Nach knapp zwei Stunden ist die Operation beendet und Frau Auras ist zum Mittag zurück auf der Station der Klinik für Orthopädie. Schmerzen hat sie keine, doch der Kreislauf macht sich zu Beginn bemerkbar. Frau Auras erinnert sich: „Ich konnte direkt nach der OP noch nicht gleich aufstehen, weil mein Kreislauf einfach noch nicht mitgemacht hat. Das hatte Herr Prof. Schröder bei der OP-Vorbereitung bereits erwähnt, dass ich während des Eingriffs Blut verlieren werde und das habe ich gespürt.“ Ein bisschen Ruhe und Essen helfen dem Kreislauf, wieder in Schwung zu kommen und die Mobilisierung kann starten. Zu Beginn sind es nur kleine Schritte bis zu Toilette, bereits ein paar Tage später wird mit der Unterstützung der Physiotherapeut*innen das Gehen auf dem Stationsflur und im Treppenhaus geübt. Das Sitzen ist dank der angewandten Operationstechnik sofort erlaubt. Nur insgesamt fünf Tage verbringt Frau Auras im KEvB, bevor sie mit ihren Gehstützen nach Hause entlassen werden kann. Die nächsten zwei bis drei Monate wird sie auf diese täglich angewiesen sein. Denn sie darf ihr rechtes Bein für 6-8 Wochen nur mit maximal 15 Kilogramm belasten – die sogenannte Teilbelastung. „Direkt nach solch einem komplexen Eingriff gilt es, das betroffene Bein zu schonen, damit der Knochen heilen kann“, erklärt Prof. Schröder. Er ergänzt: „Zudem muss die Muskulatur gekräftigt und mit Hilfe von Physiotherapie das Gelenk anfangs passiv und zunehmend aktiv in alle Bewegungsrichtungen bewegt werden. Heimtraining oder Ergometertraining ist schon früh möglich und empfohlen.“ Im Alltag kann Frau Auras auf die Unterstützung ihrer Familie zählen. Mit zwei kleinen Kindern eine Herausforderung, die sie dennoch gemeinsam meistern.
Endlich wieder mobil
Im Februar 2024 setzt sie sich zum ersten Mal nach langen Monaten des Wartens wieder auf ein richtiges Fahrrad: „Ich bin leidenschaftliche Fahrradfahrerin. Von meinem Physiotherapeuten habe ich dann nach drei Monaten das Okay fürs Radfahren im Freien bekommen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, als ich meine erste Runde um den Block gefahren bin“, sagt die 31-jährige. Endlich wieder ohne Schmerzen Laufen gehen und Fahrrad fahren, darauf hatte sie bereits Monate hin gefiebert und trainiert. Zum Abschluss der Therapie folgt eine ambulante Reha, bei der täglich an der Stabilität des rechten Beins gearbeitet wird. Im Juni dieses Jahres ist Frau Auras wieder fit und kann ihrer Arbeit als Ergotherapeutin nachgehen.
Endlich schmerzfrei: Frau Auras kann bereits wenige Monate nach der Operation wieder ihrer Arbeit als Ergotherapeutin nachgehen.
Monate der Rehabilitation liegen nun hinter ihr und ihrer Familie und Frau Auras ist endlich wieder schmerzfrei. Kleine Einschränkungen sind im Alltag trotzdem noch vorhanden: „Ich soll noch nicht schwer heben oder tragen. Und für das Fußballspielen mit meinen Kindern muss ich noch ein bisschen trainieren“. Und wie steht es um den Potsdamer Firmenlauf 2025? „Vermutlich erstmal nicht. Aber es ist nicht ausgeschlossen. Vielleicht gibt es auch ein Rad-Event, da wäre ich sofort dabei“, sagt sie lachend.
Wir wünschen Frau Auras weiterhin alles Gute auf ihrem Weg zur vollen Genesung und würden uns freuen, sie beim Firmenlauf 2026 anfeuern zu dürfen.