Potsdam, 9. Januar 2026

Portraitfoto Prof. Dr. med. Gerrit Matthes

Portraitfoto Prof. Dr. med. Gerrit Matthes

Unser Chefarzt der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Prof. Dr. med. Gerrit Matthes, wurde zum neuen Leiter des Ausschusses des TraumaNetzwerks der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) gewählt. Sein Ehrenamt hat zum 1. Janaur 2026 begonnen und läuft bis 2028. Mit dieser Wahl übernimmt Prof. Matthes eine zentrale Rolle in der Weiterentwicklung der überregionalen Traumaversorgung in Deutschland für die über 700 zertifizierten Kliniken im Netzwerk.

Zum Start seines Ehrenamts hat er mit Susanne Herda von der Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) gesprochen. 

Welche Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer Amtszeit bis 2028 setzen?

Prof. Dr. Gerrit Matthes: Gereon Schiffer und ich sind ausgesprochen dankbar, dass das Präsidium der DGU uns diese spannende, aber auch verantwortungsvolle Aufgabe übertragen hat. Das TraumaNetzwerk DGU® ist eine international viel beachtete Erfolgsgeschichte. Unsere Aufgabe wird es sein, zu helfen, diese Geschichte fortzuschreiben. Am Anfang stehen hier sicherlich Gespräche mit allen Beteiligten: Was ist gut? Was nicht? 

Das TraumaNetzwerk vereint mittlerweile über 600 zertifizierte Kliniken. Vor welchen Herausforderungen steht die Netzwerkstruktur aktuell?

Matthes: Wir befinden uns inmitten der Umsetzung einer der größten Gesundheitsreformen der letzten Dekaden. Zuletzt sind die Auswirkungen der Reform auf unsere existente Krankenhauslandschaft noch nicht endgültig abzusehen. Unsere Aufgabe wird es sicherlich auch sein, der Politik im Dialog zu verdeutlichen, wie wichtig die Errungenschaft eines so gut funktionierenden TraumaNetzwerks ist. Sie kann und muss eine Matrix für die Umstrukturierung der Versorgungslandschaft von Verletzten darstellen. Dabei liegt mir persönlich gerade die Rolle der lokalen Traumazentren am Herzen. Die Bedeutung auch kleinerer Krankenhäuser bei der Versorgung Verletzter darf nicht unterschätzt werden. 

Die Zertifizierung als TraumaZentrum ist mit hohen Standards verbunden. Planen Sie Änderungen oder Weiterentwicklungen an den Anforderungen oder am Auditprozess?

Matthes: Zweifelsfrei ist in den letzten Jahren der administrative Aufwand durch eine deutliche Zunahme an notwendigen Zertifizierungen in den operativen Fächern erheblich gestiegen. Hier sehen wir es als wichtige Aufgabe an, den Auditprozess so schlank wie möglich zu halten. Ein hoher Aufwand oder ein schwieriger Auditprozess dürfen keinesfalls ein Argument gegen die Mitgliedschaft im TraumaNetzwerk sein. Auf der anderen Seite setzt ein gut funktionierendes TraumaNetzwerk auch eine hohe Qualität der teilnehmenden Kliniken voraus. Um dies transparent darzustellen, ist ein Auditierungsprozess grundsätzlich unerlässlich. Dabei ist es übrigens absolut legitim, dass Kliniken mit ihrer Zertifizierung als TraumaZentrum auch nach außen werben, eine im Ausland schon lange übliche Praxis.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung, zum Beispiel hinsichtlich Registerdaten, KI oder telemedizinischer Vernetzung, in Ihrer Agenda für die kommenden Jahre?

Matthes: Auch das TraumaRegister der DGU ist ein international beachtetes Projekt und aus Sicht der Versorgungsforschung ein wahres „Schwergewicht“. Aus meiner Zeit als Sprecher der Sektion Notfall-, Intensivmedizin und Schwerverletzenversorgung (NIS) kenne ich das Register sehr gut. Hier ist hervorzuheben, dass ein maßgeblicher Teil der wissenschaftlichen Daten dieses Registers aus den teilnehmenden Kliniken des TraumaNetzwerks stammt. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Netzwerk und Register liegt daher auf der Hand. Meiner Meinung nach ist dabei ein ganz wesentlicher Teil ein enger Dialog über sinnvoll zu erhebende Parameter sowie eine „lebbare Umsetzung“ bei der Erstellung von Erfassungsbögen. Telemedizinische Anwendungen sind ja bereits vorhanden, beispielsweise TKmed, aber zweifelsfrei muss hier zukünftig ein Ausbau erfolgen. Die viel zitierte KI bei jeder eingesetzten Software ist nicht mehr wegzureden. Trotz aller Innovation bin ich aber weiterhin davon überzeugt: Entscheidend bleibt die qualitativ hochwertige medizinische Versorgung des Schwerverletzten.

Wo kann und soll das TraumaNetzwerk DGU® bei der Vorbereitung auf Szenarien wie Krieg, Terroranschläge oder Massenanfall von Verletzten stehen?

Matthes: Die politische Weltlage macht uns große Sorgen. Der Krieg in der Ukraine tobt nur wenige 100 Kilometer von Deutschland entfernt. Es ist naheliegend, dass wir uns hier besser vorbereiten müssen. Bemerkenswert ist der gemeinsame Vorstoß von Bundeswehrkrankenhäusern und Berufsgenossenschaftlichen Kliniken, im Krisenfall gemeinsam zu agieren. Betrachtet man jedoch die prognostizierten Zahlen von Kriegsverletzten, die grundsätzlich täglich auch auf Deutschland zukommen könnten, so wird eines schnell klar: Hier müssen alle ran. Das TraumaNetzwerk hat dabei seine gute Funktionsfähigkeit schon gezeigt, bei der Verteilung evakuierter Kriegsverletzter aus der Ukraine. Dennoch haben sich auch einige Schwachstellen aufgetan. Beispielsweise besteht weiterhin ein deutlicher Bedarf an gezielten Fortbildungen zur Versorgung von Kriegsverletzungen. Das wurde bereits, auch durch die AUC, maßgeblich angeschoben und muss weiter vorangetrieben werden. Ein starker Punkt ist außerdemdie Finanzierung der Versorgung, die immer noch ausgesprochen schwierig ist. Hier sehen wir die strikte Notwendigkeit wie Möglichkeit einer Vereinfachung der bürokratischen Vorgänge. Auf diese Weise würde sicherlich auch die Versorgungbereitschaft deutscher Kliniken steigen.

Das Interview führte Susanne Herda, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DGOU.