Urologie
Harnblasenkrebs (Harnblasenkarzinom)
Graphische Abbildung einer Harnblase
Adobe Stock
Harnblasenkrebs ist mit etwa 3 Prozent aller bösartigen Tumoren eine der häufigsten onkologischen Erkrankungen in Deutschland. Männer sind rund dreimal häufiger betroffen als Frauen – bei Männern ist er nach Lungen-, Dickdarm- und Prostatakrebs der vierthäufigste Tumor. Jährlich erkranken hierzulande etwa 16.000 Menschen neu, was etwa 18 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner entspricht.
Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr; lediglich 5 % der Betroffenen sind bei der Diagnose jünger als 45 Jahre. Der Tumor geht typischerweise von der Schleimhaut der Harnblase (Urothel) aus, die die Innenwand der Blase auskleidet. In seltenen Fällen entstehen sogenannte Plattenepithelkarzinome oder Adenokarzinome.
Die wichtigsten bekannten Risikofaktoren sind:
- Zigarettenrauchen – verantwortlich für etwa 50 % der Fälle bei Männern und 30 % bei Frauen
- Chemische Substanzen am Arbeitsplatz (Textil-, Leder-, Gummi-, Farbindustrie) – kann als anerkannte Berufskrankheit gelten
- Chronische Blasenentzündungen, z. B. bei Dauerkatheterversorgung oder Blasensteinen
- Bestimmte Medikamente der Krebstherapie (z. B. Cyclophosphamid) sowie Bestrahlung des Beckens
- Bilharziose (Schistosomiasis) – relevant vor allem bei Personen aus tropischen Regionen
Das häufigste und wichtigste Warnzeichen ist Blut im Urin – sichtbar (Makrohämaturie) oder nur mikroskopisch nachweisbar (Mikrohämaturie). Da auch andere Erkrankungen Blut im Urin verursachen können, muss jeder Blutbefund im Urin ärztlich abgeklärt werden.
Weitere Beschwerden, die auf einen Blasentumor hinweisen können (ca. 30 % der Patient*innen):
- Häufiger Harndrang mit kleinen Urinmengen
- Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen
Diese Beschwerden sind zwar unspezifisch, sollten aber stets ärztlich untersucht werden.
Bei Verdacht auf einen Blasentumor setzen wir folgende Untersuchungen ein:
- Blasenspiegelung (Zystoskopie): Über die Harnröhre wird ein optisches Instrument in die Harnblase eingeführt. So kann die Blaseninnenwand direkt beurteilt und Tumorherde können gezielt aufgespürt werden.
- Ultraschall der Nieren
- Röntgen- oder CT-Untersuchung der Harnwege mit Kontrastmittel (Ausscheidungsurogramm/CT) zum Ausschluss von Tumoren in Nierenbecken und Harnleiter
Unsere Behandlungsschwerpunkte
- Endoskopische TUR-B mit Fluoreszenzdiagnostik (photodynamisch/HEXVIX®) und Weißlicht
- Robotisch assistierte Zystektomie (da Vinci-System)
- Medikamentöse Tumortherapie
- Harnableitungsverfahren: Neoblase, Ileum-Conduit, Ureter-Hautfistel
- Interdisziplinäre Tumorkonferenz für individuell abgestimmte Therapieempfehlungen
Unsere Behandlungsverfahren im Überblick
Die TUR-B ist der erste und entscheidende Behandlungsschritt. In Narkose wird der Tumor über die Harnröhre mit einer elektrischen Schlinge abgetragen – vollständig endoskopisch, ohne Bauchschnitt.
Fluoreszenzgestützte Resektion (photodynamisch) mit HEXVIX®
Vor der Resektion wird das Medikament HEXVIX® über einen Katheter in die Blase eingebracht. Es reichert sich selektiv in Tumorzellen an und macht diese unter Blaulicht leuchtend rot sichtbar. So können auch kleinste Tumorherde und flache Schleimhautveränderungen (Carcinoma in situ) erkannt werden, die im normalen Weißlicht leicht übersehen würden. Diese fluoreszenzgestützte Technik erhöht die Vollständigkeit der Resektion und senkt das Rückfallrisiko nachweislich.
Ergebnis & weiteres Vorgehen nach TUR-B
Etwa 70–80 % der Blasentumoren werden in einem frühen Stadium entdeckt, bei dem die Muskulatur der Blasenwand noch nicht befallen ist. Diese Patient*innen haben eine sehr gute Prognose. Je nach feingeweblichem Befund empfehlen wir:
- Einmalige lokale Chemotherapieinstillation direkt nach der Operation (am Folgetag über Katheter)
- Regelmäßige Instillationstherapie über mehrere Monate – bei aggressiveren Tumoren mit dem Immuntherapeutikum BCG
Ggf. Kontroll-Resektion nach 4–6 Wochen zur Sicherheit
Wenn der Tumor die Blasenmuskulatur befallen hat oder trotz Instillationstherapie erneut auftritt, bietet die vollständige Entfernung der Harnblase (Zystektomie) die besten Heilungschancen.
Wir führen diesen Eingriff robotisch assistiert durch – ein minimal-invasives Verfahren mit deutlich verbesserter Präzision, kleinerem Operationszugang und in der Regel schnellerer Erholung gegenüber dem offenen Schnitt.
Beim Mann werden Harnblase, Prostata und Samenblasen entfernt; bei der Frau in der Regel auch Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke sowie ein Teil der vorderen Scheidenwand.
Nach der Blasenentfernung muss der Urin auf einem anderen Weg abgeleitet werden. Welches Verfahren am besten geeignet ist, entscheiden wir gemeinsam mit Ihnen – abhängig von Tumorstadium, Allgemeinzustand und Ihren persönlichen Wünschen.
Neoblase (Ersatzblase aus Dünndarm)
Wenn möglich, bieten wir allen geeigneten Patient*innen die Bildung einer Ersatzblase aus einem Dünndarmabschnitt an. Der entscheidende Vorteil: Die Blasenentleerung erfolgt weiterhin auf natürlichem Weg über die Harnröhre. Nach einer Eingewöhnungsphase und gezieltem Beckenbodentraining erreichen über 90 % der Patient*innen tagsüber vollständige Kontinenz.
Ileum-Conduit (künstlicher Urinausgang)
Beim Ileum-Conduit werden die Harnleiter in ein kurzes Dünndarmrohr eingepflanzt, das in die Bauchdecke mündet. Der Urin wird kontinuierlich in einen Auffangbeutel abgeleitet (feuchtes Stoma). Das Verfahren ist technisch zuverlässig und bewährt – vor allem wenn eine Neoblase aus medizinischen Gründen nicht infrage kommt.
Ureter-Hautfistel
Bei bestimmten Voraussetzungen können die Harnleiter direkt in die Haut eingepflanzt und mit Beuteln versorgt werden – ohne Umweg über ein Darmstück.
Beim muskelinvasiven Blasenkarzinom ist der Tumor in die Muskelschicht der Blasenwand eingewachsen. Bisher war der bewährte Therapiestandard eine Chemotherapie mit Gemcitabin und Cisplatin (neoadjuvante Kombinationschemotherapie) vor der operativen Entfernung der Blase (Zystektomie).
Seit Juli 2025 steht zusätzlich zur Chemotherapie eine Immuntherapie mit Durvalumab zur Verfügung. Die sowohl begleitend zur Chemotherapie vor der Operation (neoadjuvant) durchgeführt als auch danach (adjuvant) für 8 Therapiezyklen fortgeführt wird. In der Phase-III-Studie NIAGARA senkte dieses Konzept das Rezidivrisiko deutlich und verbesserte das Gesamtüberleben. Daher gehört diese kombinierte Chemoimmuntherapie aktuell zum perioperativen Therapiestandard bei allen geeigneten Patient*innen.
Ob diese Therapie für Sie in Ihrem speziellen Fall infrage kommt klären wir individuell in einem persönlichen Gespräch.
Werden bei der bildgebenden Diagnostik Metastasen festgestellt, erarbeiten wir gemeinsam mit Ihnen ein individuell abgestimmtes Therapiekonzept. Neben operativen Maßnahmen kommen Chemotherapie, zielgerichtete Medikamente und Strahlentherapie in Betracht. Die Entscheidung treffen wir in unserer interdisziplinären Tumorkonferenz unter Einbeziehung aller relevanten Fachdisziplinen.