Potsdam, 12. August 2026

Portraitfoto Prof. Dr. med. Karin Jordan

Prof. Dr. Karin Jordan, Chefärztin der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie, Supportiv- und Palliativmedizin

Maria Parussel

Die Diagnose Krebs gehört wohl zu den Nachrichten, auf die niemand vorbereitet ist. Sie verändert innerhalb weniger Augenblicke den Blick auf das eigene Leben und die Zukunft. Angst und Unsicherheit gehören für viele Betroffene zunächst dazu. Gleichzeitig hat sich kaum ein Bereich der Medizin in den vergangenen Jahren so dynamisch entwickelt wie die Krebsmedizin. Diagnostik und Therapien werden präziser, neue Medikamente stehen zur Verfügung und bei zahlreichen Krebserkrankungen haben sich die Behandlungsmöglichkeiten deutlich verbessert.

Supportivtherapie – die unterstützende Behandlung von Nebenwirkungen während einer Krebstherapie

Über diese beiden Seiten einer Krebsdiagnose spricht Prof. Dr. Karin Jordan, Chefärztin der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie, Supportiv- und Palliativmedizin am Klinikum Ernst von Bergmann, in der ersten Folge des neuen KEvB-Podcasts „Kasack und Köpfe“ mit André Puchta. Eine Botschaft ist ihr dabei besonders wichtig: „Krebs ist nicht gleich Krebs.“ Die Medizin kennt heute mehr als 200 verschiedene Krebsarten und zahlreiche weitere Unterformen, die sich biologisch, in ihrem Verlauf und in ihrer Behandlung zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Deshalb lasse sich auch die Diagnose Krebs nicht pauschal mit einer bestimmten Prognose verbinden. „Krebs ist nicht gleich ein Todesurteil“, betont Prof. Dr. Karin Jordan im Gespräch.

Eine Diagnose, die Angst macht

Dass die Erkrankung dennoch mit großen Ängsten verbunden ist, erlebt die Onkologin regelmäßig. Eine Krebsdiagnose sei für Betroffene ein einschneidendes Erlebnis. Manche Patientinnen und Patienten verspürten in diesem Moment regelrechte Todesangst. Diese Angst müsse man ernst nehmen und im weiteren Behandlungsprozess auffangen. Für Prof. Dr. Karin Jordan gehört deshalb Empathie ebenso zur Onkologie wie medizinische Expertise. „Es braucht Mitgefühl für den Patienten“, sagt sie. Gleichzeitig benötigen Ärztinnen und Ärzte eine professionelle Distanz, um mit den vielen schweren Schicksalen umgehen zu können.

Die Begleitung reicht dabei häufig über einen langen Zeitraum – von der ersten Diagnose über die Behandlung bis hin zur Nachsorge und bei manchen Menschen auch bis zum Lebensende. Ihre eigene Entscheidung für die Medizin und später die Onkologie fiel ungewöhnlich früh. Bereits als Achtjährige erlebte Prof. Dr. Karin Jordan, wie beide Eltern ihrer besten Schulfreundin an Krebs erkrankten und innerhalb kurzer Zeit starben. Damals habe sie den Vorsatz gefasst: „Ich möchte unbedingt Onkologin werden.“ Zwar kamen später zwischenzeitlich noch Berufswünsche wie Meeresbiologin, Tischlerin oder Kriminalistin hinzu – am Ende setzte sich die Medizin durch.

Bei Krebs zählt eine präzise Diagnose

Wie unterschiedlich Krebserkrankungen sind, zeigt sich bereits bei der Diagnostik. Bildgebende Verfahren wie Computertomographie oder MRT, Laboruntersuchungen und insbesondere Gewebeproben helfen in der Einordung der Erkrankung und zeigen, wie weit diese fortgeschritten sei. „In der Onkologie muss man am Anfang alles richtig machen“, unterstreicht Prof. Dr. Karin Jordan. Die Diagnostik müsse akribisch erfolgen. Erst wenn Art und Stadium einer Krebserkrankung möglichst genau bestimmt sind, könne die passende Therapiestrategie festgelegt werden. Bei bestimmten Erkrankungen werden Proben deshalb zusätzlich durch spezialisierte Referenzpathologien beurteilt.

Auch eine Zweitmeinung ist für die Chefärztin kein Zeichen mangelnden Vertrauens. Im Gegenteil: „Das ist in der Onkologie absolut üblich.“ Patientinnen und Patienten sollten sich nicht scheuen, eine weitere medizinische Einschätzung einzuholen. Schließlich gehe es um weitreichende Therapieentscheidungen und um das eigene Leben.

Von Chemotherapie bis personalisierte Medizin

Auch mit einem weiteren verbreiteten Bild räumt die Podcast-Folge auf: Krebsbehandlung bedeutet heute längst nicht automatisch Chemotherapie. Welche Therapie eingesetzt wird, hängt unter anderem von Krebsart, Stadium und biologischen Eigenschaften des Tumors ab. Neben Operation, Strahlen- und Chemotherapie haben sich in den vergangenen Jahren neue Behandlungsmöglichkeiten etabliert. Dazu gehört beispielsweise die Immuntherapie. Dabei wird das körpereigene Immunsystem dabei unterstützt, Krebszellen besser zu erkennen und anzugreifen. Auch die personalisierte beziehungsweise individualisierte Medizin spielt eine immer größere Rolle.

Bestimmte molekulare Eigenschaften eines Tumors können Hinweise darauf geben, welche gezielten Medikamente bei einer Patientin oder einem Patienten besonders geeignet sein könnten. Prof. Dr. Karin Jordan beschreibt diese Entwicklung als einen grundlegenden Wandel. Krebs könne heute bei manchen Patientinnen und Patienten über lange Zeit behandelt und kontrolliert werden. „Krebs ist in vielen Fällen zu einer chronischen Erkrankung geworden“, sagt die Onkologin. Viele Betroffene könnten heute über Jahre mit ihrer Erkrankung leben.

Früherkennung kann entscheidend sein

Trotz aller Fortschritte bleibt eine möglichst frühe Diagnose von großer Bedeutung. Wird eine Krebserkrankung in einem frühen Stadium entdeckt, können die Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen – abhängig von der jeweiligen Krebsart – erheblich besser sein. Prof. Dr. Karin Jordan appelliert deshalb an die Menschen, die angebotenen Früherkennungsuntersuchungen wahrzunehmen: „Wenn man einen Krebs in einem frühen Stadium erkennt, sind die Heilungschancen einfach um so viel besser.“ Im Podcast geht es unter anderem um Brustkrebs-, Darmkrebs- und Hautkrebsfrüherkennung und darum, warum die eigene Gesundheitsvorsorge nicht aus dem Blick geraten sollte.

Dabei warnt die Chefärztin zugleich vor der Vorstellung, Krebs ließe sich durch einen vermeintlich perfekten Lebensstil vollständig verhindern. Zwar gibt es beeinflussbare Risikofaktoren – insbesondere Rauchen spielt bei verschiedenen Krebserkrankungen eine wichtige Rolle –, doch können auch Menschen erkranken, die sich gesund ernähren, viel bewegen, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken. Auch Alter, genetische Faktoren und zufällige Veränderungen bei der Zellteilung können eine Rolle spielen.

Krebsmedizin ist Teamarbeit

Moderne Onkologie bedeutet zudem weit mehr als die Auswahl eines Medikaments. Am Klinikum Ernst von Bergmann arbeiten unterschiedliche medizinische Fachrichtungen gemeinsam an der Behandlung von Krebspatientinnen und -patienten. Hinzu kommen unter anderem onkologische Fachpflege, Psychoonkologie, Sozialarbeit, Seelsorge und Physiotherapie. „Onkologie ist nicht nur Arzt“, bringt Prof. Dr. Karin Jordan es im Podcast auf den Punkt. Entscheidend sei die multidisziplinäre Begleitung des Menschen.

Patientinnen und Patienten sollten nicht auf ihre Erkrankung reduziert, sondern in ihrer Gesamtheit wahrgenommen werden. Gerade die psychische Unterstützung spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine Krebsdiagnose betrifft schließlich nicht nur den Körper. Ängste um die eigene Zukunft, Familie, Partnerschaft oder berufliche Situation können zu einer erheblichen Belastung werden. Als Teil der zertifizierten onkologischen Versorgung ist deshalb auch die Psychoonkologie in die Betreuung eingebunden.

„Dass wir Zeit für den Patienten haben“

Nach 26 Jahren in der Krebsmedizin ist für Prof. Dr. Karin Jordan deshalb nicht allein der medizinisch-technische Fortschritt entscheidend. Auf die Frage, was sie sich persönlich für die Zukunft der Onkologie wünsche, nennt sie etwas, das sich nicht in Laborwerten oder Bildgebung messen lässt: Zeit. Sie wünsche sich, „dass die sprechende Medizin auch weiter in den Vordergrund gerückt wird“. Onkologie sei viel mehr als die reine Therapie einer Erkrankung. Das Gespräch mit Patientinnen und Patienten sei ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung: „Dass wir Zeit für den Patienten haben. Das ist in der Onkologie so wichtig.“

Genau dort setzt auch „Kasack und Köpfe“ an. Der Podcast des Klinikums Ernst von Bergmann möchte medizinische Themen verständlich erklären und Menschen Orientierung geben. In jeder Folge spricht Gastgeber André Puchta mit Expertinnen und Experten des Klinikums über Erkrankungen, Diagnostik und Therapien – aber auch über Erfahrungen, Ängste und Fragen, die Patientinnen, Patienten und Angehörige beschäftigen.

Die erste Folge „Prof. Dr. Karin Jordan: Krebs – warum Medizin heute mehr Hoffnung gibt denn je“ ist ab sofort auf den gängigen Podcast-Plattformen sowie über die digitalen Angebote des Klinikums Ernst von Bergmann verfügbar. Denn die vielleicht wichtigste Botschaft dieser ersten Folge lautet: Krebs bleibt eine ernste Diagnose. Aber sie ist heute längst nicht mehr automatisch ein hoffnungsloses Urteil.