Potsdam, 8. September 2026

Das Bild zeigt Priv.-Doz. Dr. Mojtaba Ghods vor einem Eingang.

Priv.-Doz. Dr. Mojtaba Ghods

Die im renommierten Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichte LIPLEG-Studie zeigt erstmals in einer großen kontrollierten Untersuchung, dass eine Liposuktion die typischen Schmerzen deutlich lindern kann. Priv.-Doz. Dr. Mojtaba Ghods vom Klinikum Ernst von Bergmann ist Mitautor; Potsdam und Bad Belzig bildeten das größte Studienzentrum.

Schmerzen bei jeder Berührung, schwere Beine und Einschränkungen im Alltag: Für viele Frauen mit Lipödem gehören diese Beschwerden über Jahre zum täglichen Leben. Häufig erleben sie zudem, dass ihre Erkrankung spät erkannt oder irrtümlich als Folge von Übergewicht betrachtet wird. Eine neue, im renommierten Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichte Studie liefert nun erstmals besonders belastbare wissenschaftliche Belege dafür, dass eine Liposuktion die typischen Schmerzen deutlich reduzieren kann.

An der sogenannten LIPLEG-Studie war Priv.-Doz. Dr. Mojtaba Ghods, Chefarzt der Klinik für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Mikrochirurgie und Handchirurgie am Klinikum Ernst von Bergmann, maßgeblich beteiligt. Unter seiner Leitung wurden an den Standorten Potsdam und Bad Belzig rund 150 Patientinnen betreut – etwa ein Drittel aller Studienteilnehmerinnen. Damit bildete die Ernst von Bergmann Gruppe das größte Studienzentrum des bundesweiten Forschungsprojekts.

Warum die Studie für Patientinnen so wichtig ist

Die Liposuktion wird seit vielen Jahren zur Behandlung des Lipödems eingesetzt. Bisher stützten sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch vor allem auf Beobachtungsstudien, rückblickende Auswertungen und die Erfahrungen spezialisierter Zentren. Mit LIPLEG liegt nun erstmals eine große randomisierte kontrollierte Studie vor. Das bedeutet: Die Behandlungsergebnisse der Liposuktion wurden nach strengen wissenschaftlichen Kriterien direkt mit denen einer fortgesetzten konservativen Therapie verglichen.

Für Patientinnen ist das von großer Bedeutung. Die Studie schafft eine verlässlichere Grundlage für Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten, für individuelle Therapieentscheidungen und für die weitere Ausgestaltung einer qualitätsgesicherten Versorgung. Sie trägt außerdem dazu bei, das Lipödem als ernst zu nehmende, behandlungsbedürftige Erkrankung sichtbar zu machen – und nicht als kosmetisches Problem oder vermeintliche Folge falscher Ernährung.

„Viele Patientinnen haben einen langen Leidensweg hinter sich. Sie erleben Schmerzen, Einschränkungen und häufig auch das Gefühl, mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen zu werden“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Mojtaba Ghods, Mitautor der Studie und Präsident der Lipedema World Alliance. „Die LIPLEG-Studie zeigt nun mit hoher wissenschaftlicher Aussagekraft, dass eine Liposuktion die Beschwerden bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen deutlich lindern kann. Das ist ein wichtiger Fortschritt für die Betroffenen.“

Deutlich weniger Schmerzen nach der Operation

Insgesamt wurden 410 Patientinnen in die zentrale Auswertung der Studie einbezogen. Alle litten unter relevanten Schmerzen und hatten vor der zufälligen Zuordnung zu den Behandlungsgruppen eine bis zu siebenmonatige konservative Therapie durchlaufen. Zwölf Monate nach der letzten Liposuktion erreichten 68,4 Prozent der operierten Patientinnen eine klinisch relevante Verringerung ihrer Schmerzen.

Unter der fortgesetzten konservativen Therapie waren es 7,6 Prozent. Der positive Effekt zeigte sich in allen drei untersuchten Stadien des Lipödems. Vereinfacht bedeutet das: Bei einem großen Teil der operierten Patientinnen gingen die Schmerzen spürbar zurück. Dies kann den Alltag erheblich erleichtern – beispielsweise beim Gehen, bei Bewegung, im Beruf oder durch eine geringere Empfindlichkeit gegenüber Druck und Berührungen.

Keine automatische Empfehlung für eine Operation

Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass jede Patientin mit einem Lipödem operiert werden sollte. Voraussetzung ist zunächst eine gesicherte Diagnose. Das ist besonders wichtig, weil es bislang weder einen eindeutigen Laborwert noch ein einzelnes bildgebendes Verfahren gibt, mit dem sich ein Lipödem zweifelsfrei nachweisen lässt. Die Diagnose beruht auf einer ausführlichen Anamnese, der körperlichen Untersuchung und der Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen.

„Eine Liposuktion ist kein Automatismus und keine risikofreie Behandlung“, betont Dr. Mojtaba Ghods. „Wir müssen genau prüfen, welche Patientin von dem Eingriff profitieren kann. Entscheidend sind eine gesicherte Diagnose, eine vorausgegangene konservative Behandlung, eine verantwortungsvolle Indikationsstellung und die Durchführung durch erfahrene Operateurinnen und Operateure in spezialisierten Zentren.“

In der Operationsgruppe wurden häufiger unerwünschte Ereignisse festgestellt. Dazu gehörten unter anderem örtlich begrenzte Infektionen, Serome, Thrombosen und Abfälle des Hämoglobinwertes. Die Komplikationen waren überwiegend beherrschbar und mehrheitlich leicht bis moderat ausgeprägt.

Behandlung endet nicht mit der Liposuktion

Auch nach einer erfolgreichen Liposuktion kann eine weitere konservative Behandlung sinnvoll oder notwendig sein. Zwölf Monate nach dem letzten Eingriff nutzten noch 69,4 Prozent der operierten Patientinnen entsprechende Therapiemaßnahmen. Die Liposuktion bleibt deshalb Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts. Je nach individueller Situation gehören dazu unter anderem Bewegung, Kompression, Gewichtsmanagement bei einer zusätzlich bestehenden Adipositas, postoperative Nachsorge und eine langfristige medizinische Begleitung.

„Das wichtigste Ergebnis für Patientinnen ist nicht, dass eine Operation alle Probleme löst“, sagt Dr. Mojtaba Ghods. „Entscheidend ist, dass wir nun sehr viel besser belegen können, welchen Nutzen sie haben kann. Damit können Ärztinnen, Ärzte und Betroffene fundierter gemeinsam entscheiden, welcher Behandlungsweg im individuellen Fall der richtige ist.“

Potsdam als bedeutender Standort der Lipödem-Forschung

Die Beteiligung von rund 150 Patientinnen aus Potsdam und Bad Belzig unterstreicht die besondere Rolle der Ernst von Bergmann Gruppe in der klinischen und wissenschaftlichen Erforschung des Lipödems. Dr. Mojtaba Ghods und sein Team beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Diagnostik, der operativen Behandlung und der langfristigen Entwicklung der Erkrankung.

Die wissenschaftliche Begleitung der LIPLEG-Studie ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit werden die Teilnehmerinnen über insgesamt 36 Monate nachbeobachtet. Die Veröffentlichung dieser Langzeitergebnisse ist für 2027 vorgesehen. Sie soll unter anderem zeigen, wie dauerhaft die Schmerzlinderung ist, welche weiteren Behandlungen langfristig erforderlich sind und wie die Sicherheit der Liposuktion über einen längeren Zeitraum zu bewerten ist.

Zur Person

PD Dr. Mojtaba Ghods ist bekannt als einer der Pioniere der Lipödemtherapie. Er beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Lipödem als Erkrankung. Mojtaba Ghods war auch weltweit der Erste, der zur Erkrankung habilitierte: „Standardisierung der chirurgischen Therapie bei Lipödem Patientinnen“ im Jahr 2021.

Er ist Mitbegründer und aktueller Präsident der Lipedema World Alliance und Leiter der Lipödem Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC). Dr. Ghods veranstaltete viele Kongresse in verschiedenen Ländern, unter anderem den ersten Lipedema World Congress in Potsdam, mit über 500 Teilnehmern aus mehr als 30 verschiedenen Ländern.