Podcast: Jedes Kind entwickelt sich anders – wie Sozialpädiatrie unterstützen kann
„Kasack und Köpfe“, der Podcast des Klinikums Ernst von Bergmann in Potsdam, KI-generiert
Dr. Monica Dreesmann ist Chefärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam und seit rund drei Jahrzehnten in der Sozialpädiatrie tätig. Im Podcast „Kasack und Köpfe“ spricht sie mit André Puchta über Entwicklungsverzögerungen, neurologische Erkrankungen und die Sorgen, mit denen viele Eltern ins SPZ kommen – vor allem aber über die Notwendigkeit, Kinder nicht auf Diagnosen oder vermeintliche Defizite zu reduzieren.
Wenn Dr. Monica Dreesmann ein Kind in ihrem Untersuchungszimmer bittet, die Schuhe auszuziehen, kann es passieren, dass anschließend eine erstaunliche Menge Sand auf dem Boden liegt. Andere würden vielleicht nach einem Handfeger suchen. Dr. Monica Dreesmann freut sich. „Dann weiß ich: super, das Kind hat heute irgendwo im Sand gespielt.“ Dieses kleine Bild erzählt viel darüber, wie die Chefärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums am Klinikum Ernst von Bergmann auf Kinder schaut. Natürlich sieht sie Entwicklungsverzögerungen, neurologische Erkrankungen, Sprachprobleme, Epilepsien, Auffälligkeiten in Motorik und Verhalten. Seit rund drei Jahrzehnten beschäftigt sie sich professionell damit. Aber sie sieht eben auch Sand in Schuhen, Neugier, Fähigkeiten, Familien, Ressourcen und manchmal erstaunlich viel Lebensfreude an Orten, an denen Eltern zunächst vor allem eine Diagnose fürchten. Dr. Monica Dreesmann nennt sich selbst augenzwinkernd ein „Urviech der Sozialpädiatrie“.
Die Richtung ihres beruflichen Lebens stand ungewöhnlich früh fest. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Praktikum in einer Kinder-Rehabilitationsklinik in Santiago de Chile und wusste danach, dass sie Kinderärztin werden wollte. Neuropädiatrie und Rehabilitation faszinierten sie besonders. Ihre Doktorarbeit führte sie zu Kindern mit Spina bifida in China und Deutschland, sie befragte Familien, lernte unterschiedliche Lebenswirklichkeiten kennen. Die Verbindung aus Medizin und langfristiger Begleitung ist bis heute der Kern ihrer Arbeit. Wer zu ihr kommt, bekommt deshalb selten eine einfache Antwort auf eine einfache Frage. Ein Kind, das sich schlecht konzentrieren kann, kann ADHS haben. Es kann aber ebenso auf massive Spannungen innerhalb der Familie reagieren oder in sehr seltenen Fällen an einer körperlichen Erkrankung leiden. Ein Kind, das kaum spricht, braucht vielleicht Logopädie – vielleicht hört es aber schlicht nicht gut, weil sich Flüssigkeit hinter dem Trommelfell gesammelt hat. Bevor über Sprachförderung entschieden wird, muss deshalb geklärt werden, ob das Kind die Sprache überhaupt zuverlässig wahrnehmen kann.
Zwölf Berufe, ein Blick aufs Kind
Sozialpädiatrie ist für Dreesmann die Kunst, nicht beim sichtbaren Symptom stehen zu bleiben. Sie spricht von einem Puzzle. Das Kind wird untersucht, Eltern werden befragt, Erzieherinnen oder Lehrer liefern Beobachtungen, Psychologen und Therapeuten testen Fähigkeiten, manchmal kommen genetische Untersuchungen oder weitere medizinische Diagnostik hinzu. Erst danach werden die Teile zusammengesetzt. Genau für diese Arbeit entstanden sozialpädiatrische Zentren ursprünglich: Familien mit einem behinderten oder entwicklungsauffälligen Kind sollten nicht von Facharzt zu Facharzt geschickt werden, sondern möglichst viele Kompetenzen an einem Ort finden. In Potsdam arbeiten inzwischen zwölf Berufsgruppen miteinander. Dr. Monica Dreesmann nennt das ihre „Schwarmintelligenz“. Jeder verfügt über Spezialwissen, gleichzeitig habe das Team über die Jahre ein gemeinsames Verständnis entwickelt, sodass praktisch jeder etwas zu Entwicklungsproblemen, Epilepsie oder Zerebralparese beitragen könne.
Das Entscheidende ist trotzdem nicht die Anzahl der Fachrichtungen, sondern die Frage, was eine Familie tatsächlich umsetzen kann. Eine allein erziehende Mutter in der Prignitz ohne Führerschein braucht möglicherweise einen anderen Therapieplan als eine gut vernetzte Familie in Potsdam, die mehrere Praxen in unmittelbarer Nähe erreicht. Medizinisch theoretisch alles Mögliche zu empfehlen, hilft wenig, wenn der Familienalltag daran zerbricht. Manchmal kann eine stationäre Rehabilitation sinnvoller sein als drei wöchentliche Therapietermine an verschiedenen Orten. Dr. Monica Dreesmann möchte deshalb nicht nur wissen, was ein Kind nicht kann, sondern ebenso, was es gut kann und welche Kraft im Umfeld vorhanden ist. Eltern kommen häufig mit großer Angst. Schon ein Blick auf die Internetseite eines SPZ kann Begriffe liefern, die niemand gern mit dem eigenen Kind verbindet. Entwicklungsstörung, Behinderung, Autismus, neurologische Erkrankung.
Für manche Eltern ist eine Diagnose kein Schock, sondern endlich Gewissheit. Sie spüren bereits seit der Geburt, dass etwas anders ist, und sind paradoxerweise erleichtert, wenn nach Jahren endlich eine z.B. genetische Ursache gefunden wird. Sie hätten immer gewusst, dass etwas nicht stimme. Andere erleben die Diagnose als Schock, weil sie ihr Kind bis dahin vollkommen anders eingeschätzt haben. Vor allem beim ersten Kind fehlen Vergleichsmöglichkeiten. Wer keine älteren Geschwister, Cousins oder gleichaltrigen Kinder im Freundeskreis erlebt, weiß schlicht nicht immer, welche Entwicklungsschritte in welchem Zeitfenster typisch sind. Und diese Zeitfenster sind größer, als die Konkurrenz auf dem Spielplatz vermuten lässt. Manche Kinder laufen mit neun Monaten, andere erst mit achtzehn, beides kann noch innerhalb der normalen Entwicklung liegen.
Das kann für Eltern trotzdem nervenaufreibend sein, wenn zehn Monate lang ringsum andere Kleinkinder durch die Gegend marschieren, während das eigene weiterhin auf dem Boden sitzt. Entwicklung, sagt Dr. Monica Dreesmann, ist individuell. Vergleich gehört zum Elternsein fast automatisch dazu, taugt aber nur begrenzt als Diagnoseinstrument. Auch deshalb sind die Vorsorgeuntersuchungen beim niedergelassenen Kinderarzt so wichtig. Hinzu kommen Kitas und Schulen. Erzieherinnen erleben Kinder über Stunden in einer Gruppe und erkennen heute nach Dr. Mona Dreesmanns Erfahrung sehr sensibel, wenn ein Kind sich ungewöhnlich verhält, kaum integriert, stereotype Bewegungen zeigt oder sprachlich deutlich zurückliegt.
Wenn Entwicklung Fragen aufwirft
Besonders beim Thema Autismus habe sich die Aufmerksamkeit stark verändert. Als Dr. Monica Dreesmann vor rund siebzehn Jahren in Potsdam begann, kamen entsprechende Fragestellungen vielleicht alle paar Wochen. Heute werden Auffälligkeiten wesentlich häufiger benannt. Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes auffällige Verhalten eine Diagnose bekommt. Es bedeutet zunächst, dass genauer hingesehen wird. Bei ADHS fällt Dr. Monica Dreesmann beispielsweise auf, dass Jungen häufiger über motorische Unruhe und Impulsivität auffallen. Gleichzeitig erinnert sie daran, dass ausgerechnet in dem Alter, in dem Kinder eingeschult werden, der Bewegungsdrang physiologisch besonders ausgeprägt ist. Vielleicht, wirft sie ein, müsse man deshalb gelegentlich nicht nur das Kind betrachten, sondern auch fragen, ob Schule gut damit umgeht, sechs- oder siebenjährige Menschen lange auf einen Stuhl zu setzen. Diese Perspektive ist typisch für ihre Arbeit: Das Problem wird nicht automatisch im Kind gesucht. Entwicklung entsteht aus Biologie, Psyche und sozialem Umfeld.
Nicht jedes Kind braucht denselben Weg
Dr. Monica Dreesmann beschreibt das als ständiges Pingpong. Ein Kind weint – wird es getröstet oder angeherrscht? Es wird wütend – darf es diese Wut fühlen, während Erwachsene ihm helfen, wieder herauszufinden? Es kann nur einschlafen, wenn es ständig geschaukelt wird – wann bekommt es Gelegenheit, andere Formen der Selbstregulation zu lernen? Eltern müssen dafür keine studierten Pädagogen sein. Im Gegenteil: Dr. Monica Dreesmann hält es für wichtig, Eltern von der Vorstellung zu entlasten, sie müssten alles perfekt machen. Sie selbst geht zunächst davon aus, dass Eltern für ihr Kind das Beste wollen. Selbst im Kinderschutz sieht sie häufig keine absichtliche Böswilligkeit, sondern Menschen, die mit ihrer eigenen Geschichte kämpfen.
Wer selbst keine verlässliche Bindung erlebt hat, im Heim groß geworden ist oder mehrfach Bezugspersonen wechseln musste, hat möglicherweise nie intuitiv gelernt, wie man einem Kind Sicherheit vermittelt. Auch deshalb kann eine Diagnose entlasten. Eltern, deren erstes Kind scheinbar problemlos aufgewachsen ist, erleben beim zweiten plötzlich massive Wutanfälle, Schlafprobleme und extreme Unruhe und fragen sich verzweifelt, weshalb ihre bisherige Erziehung nicht mehr funktioniert. Wenn sich dann herausstellt, dass ein genetisches Syndrom bestimmte Verhaltensweisen begünstigt, verändert das den Blick. Nicht jede Schwierigkeit ist ein Erziehungsfehler. Mit Selbsthilfegruppen und anderen betroffenen Eltern entsteht zusätzlich Wissen, das kein Lehrbuch ersetzen kann.
Die längste Strecke beginnt für manche Familien allerdings erst nach der Diagnose. Dr. Monica Dreesmann vergleicht ihre Arbeit deshalb mit einem Marathon. Fachpersonal läuft ihn ebenso wie die Eltern. Manche Erkrankungen verschwinden nicht wieder. Eine Zerebralparese lässt sich fördern und therapeutisch beeinflussen, die zugrunde liegende Hirnschädigung bleibt. Schwere Epilepsien können dazu führen, dass ein Kind Entwicklungsschritte verliert und niemals einen regulären Schulabschluss erreichen wird.
Gerade dann besteht Dr. Monica Dreesmann darauf, das Leben nicht nur um die Krankheit herum zu organisieren. Wie kann eine Familie trotzdem in den Urlaub fahren? Wie können Eltern als Paar Zeit verbringen? Wer kann aus dem Umfeld helfen? Wo gibt es Großeltern, Tanten, Onkel oder andere Menschen, die Verantwortung übernehmen? Ein Kind mit hohem Unterstützungsbedarf wird nicht ein paar Wochen begleitet, sondern möglicherweise jahrzehntelang. Eltern brauchen deshalb nicht nur Therapiepläne, sondern Kraftreserven. Dr. Monica Dreesmann beobachtet bei Familien mit schwerstmehrfach behinderten Kindern Leistungen, vor denen sie ausdrücklich den Hut zieht.
Eltern laufen ebenfalls Marathon
Wenn Eltern mit ihrer sechzehnjährigen Tochter im Rollstuhl in die Sprechstunde kommen, das Mädchen liebevoll gepflegt und angezogen ist und rund um die Uhr versorgt wird, sieht die Ärztin auch die körperliche, psychische und soziale Arbeit dahinter. Umso mehr ärgert sie sich über ein Hilfesystem, in dem ausgerechnet diese Familien zusätzlich durch komplizierte Anträge, unterschiedliche Kostenträger und Ablehnungen belastet werden. Die Behinderung ihres Kindes hätten viele Familien irgendwann in ihr Leben integriert, sagt sie sinngemäß; das Antragswesen mache ihnen trotzdem immer wieder das Leben schwer. Sozialpädagogen im SPZ helfen deshalb auch bei sozialrechtlichen Fragen. Medizin lässt sich hier kaum vom Alltag trennen.
Das gilt bis weit über die Kindheit hinaus. Dr. Monica Dreesmann verabschiedet inzwischen Patientinnen und Patienten, die sie vor siebzehn Jahren erstmals kennengelernt hat. Dann geht es längst nicht mehr um die Frage, wann ein Kind laufen oder sprechen lernt, sondern um Ausbildung, Freizeit, Wohnen, Ablösung vom Elternhaus und das Erwachsenenleben. Manche Eltern beschäftigt früh die schmerzhafte Frage, wer sich um ihre Tochter oder ihren Sohn kümmern wird, wenn sie selbst einmal nicht mehr da sind. Das SPZ kann auch dafür keine fertige Zukunft garantieren, aber Kontakte herstellen, Erfahrungen weitergeben und Wege zeigen. Manchmal erreicht Dr. Monica Dreesmann Jahre später eine Postkarte.
Was möglich bleibt
Ein ehemaliger Patient, der als Jugendlicher eine Epilepsie entwickelte und nachts regelmäßig Anfälle hatte, schrieb ihr, er habe Politik studiert, einen guten Beruf gefunden und sei trotz seiner Erkrankung ein zufriedener Mensch. Er bedankte sich dafür, dass sie immer an ihn geglaubt habe. Solche Rückmeldungen treffen ziemlich genau den Kern dessen, was Dr. Monica Dreesmann unter Förderung versteht. Nicht jede Erkrankung verschwindet, nicht jede Einschränkung lässt sich wegtherapieren, aber daraus folgt nicht, dass ein gelungenes Leben unmöglich wird. Das Gehirn beschreibt sie gern mit einem anderen Bild: Trampelpfade. Besonders in der Kindheit entstehen sie schnell, doch neue Wege können ein Leben lang hinzukommen. Selbst wenn frühe Erfahrungen ungünstig waren, können bessere Bedingungen, Förderung und stabile Beziehungen neue Wege ermöglichen.
Vielleicht ist genau deshalb ihr Blick auf Kinder so optimistisch, ohne naiv zu sein. Sie kennt die schweren Diagnosen zu gut, um einfache Versprechen zu machen. Stattdessen achtet sie auf Möglichkeiten. Und manchmal auf Sand. Denn bevor ein Kind zum Patienten wird, ist es eben zuerst ein Kind, das draußen gespielt, getobt, vielleicht hingefallen und wieder aufgestanden ist. Wenn beim Schuheausziehen der halbe Sandkasten im SPZ landet, muss Dr. Monica Dreesmann jedenfalls nicht lange überlegen, ob das eine gute Nachricht ist.