Potsdam, 15. September 2026

Eingangsbereich der Zentralen Notaufnahme des Ernst von Bergmann Klinikums mit mehrstöckigem Gebäude und Informationsschild

Eingangsbereich zur Zentralen Notaufnahme des Klinikum Ernst von Bergmann und zur Ärztlichen Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg

Das eigene Zuhause sollte ein sicherer Ort sein. Für manche Menschen ist es das nicht: Sie erleben in ihrer Partnerschaft oder Familie körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt, werden bedroht, kontrolliert oder eingeschüchtert. Die Zentrale Notaufnahme des Klinikum Ernst von Bergmann macht deshalb verstärkt auf Hilfsangebote für Betroffene häuslicher Gewalt aufmerksam.

Mehrsprachige Plakate im Warte- und Stationsbereich sowie an geschützten Orten wie den Damentoiletten informieren darüber, wo Betroffene Beratung und Unterstützung erhalten können. Die Hinweise sollen auch Menschen erreichen, die während ihres Aufenthalts im Krankenhaus erstmals einen unbeobachteten Moment haben, um sich über Hilfsangebote zu informieren.

„Wir versorgen immer wieder Patientinnen, die in ihrem häuslichen Umfeld Gewalt erfahren haben. Nicht jede Betroffene spricht von sich aus darüber – häufig aus Angst, Scham oder weil sie vom Partner kontrolliert wird. Deshalb ist es wichtig, Informationen so anzubieten, dass sie ohne weitere Erklärung und möglichst unbemerkt wahrgenommen werden können“, sagt Silke Boddin, Pflegerische Leitung der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Ernst von Bergmann.

Gewalt beginnt nicht erst bei sichtbaren Verletzungen

Häusliche Gewalt kann viele Formen annehmen. Dazu gehören nicht nur Schläge und andere körperliche Übergriffe. Auch Drohungen, Beleidigungen, Demütigungen, sexuelle Übergriffe, das Verbot sozialer Kontakte, die Kontrolle des Mobiltelefons oder der alleinige Zugriff auf das gemeinsame Geld können Formen von Gewalt und Kontrolle sein.

Betroffen sind insbesondere Frauen. Häusliche Gewalt kann jedoch Menschen jeden Geschlechts, Alters und sozialen Hintergrunds treffen. Im Land Brandenburg wurden im Jahr 2025 insgesamt 6.434 Fälle häuslicher Gewalt polizeilich registriert. Das waren trotz eines Rückgangs gegenüber dem Vorjahr 9,3 Prozent mehr als 2021. Dabei bilden die polizeilichen Zahlen nur jene Fälle ab, die den Behörden bekannt geworden sind.

Das Krankenhaus kann einen Zugang zu weiterer Hilfe eröffnen

Im Krankenhaus steht zunächst die medizinische Versorgung im Mittelpunkt. Zugleich können Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte zuhören, über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und auf Wunsch Kontakte zu geeigneten Beratungsstellen vermitteln. Ob und welche Hilfe eine betroffene Person annehmen möchte, entscheidet sie grundsätzlich selbst.

„Eine Notaufnahme ist selbstverständlich keine spezialisierte Beratungsstelle für häusliche Gewalt. Sie kann für Betroffene aber ein wichtiger geschützter Ort sein und einen Zugang zum Hilfesystem eröffnen“, erklärt Prof. Dr. med. Michael Oppert, Chefarzt des Zentrums für Notfall- und Intensivmedizin am Klinikum Ernst von Bergmann. „Wer zu uns kommt, soll wissen: Gewalt muss nicht verschwiegen oder allein ausgehalten werden. Unsere Mitarbeitenden behandeln Verletzungen, hören zu und zeigen mögliche nächste Schritte auf.“

Das Klinikum will die Informationen künftig nicht nur vor Ort, sondern auch über seine digitalen Kommunikationskanäle verbreiten. Damit sollen neben Betroffenen auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie andere Menschen erreicht werden, die sich um eine Person in ihrem Umfeld sorgen.

Häusliche Gewalt betrifft auch Kinder

Leben Kinder in einem von Gewalt geprägten Haushalt, sind sie immer mitbetroffen – selbst wenn sich die Übergriffe nicht unmittelbar gegen sie richten. Sie erleben Angst, Bedrohung und Kontrollverlust. Das kann ihre seelische und körperliche Gesundheit sowie ihre weitere Entwicklung erheblich beeinträchtigen.

„Wenn Kinder in einer Familie leben, in der häusliche Gewalt stattfindet, muss ihre Situation immer auch unter dem Gesichtspunkt des Kinderschutzes betrachtet werden“, erklärt Dr. med. Petra Degenhardt, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie und Kinderschutzmedizinerin am Klinikum Ernst von Bergmann. „Kinder müssen nicht selbst körperlich angegriffen werden, um Schaden zu nehmen. Bereits mitzuerleben, wie die Mutter oder der Vater bedroht, erniedrigt oder verletzt wird, kann traumatische Folgen haben. Deshalb dürfen Kinder bei der Unterstützung betroffener Familien niemals aus dem Blick geraten.“

Das Klinikum Ernst von Bergmann verfügt mit seiner Medizinischen Kinderschutzambulanz über eine spezialisierte Anlaufstelle zur Abklärung möglicher Kindeswohlgefährdungen. Ein multiprofessionelles Team untersucht Verdachtsfälle körperlicher, emotionaler oder sexualisierter Gewalt sowie Vernachlässigung, dokumentiert mögliche Hinweise und vermittelt gemeinsam mit dem Jugendamt weitere Hilfen. Die reguläre Vorstellung erfolgt in Abstimmung mit dem zuständigen Jugendamt. Akute Kinderschutzfälle werden über die Kinder-Notaufnahme des Klinikums versorgt.

Hier finden Betroffene Hilfe

Bei akuter Bedrohung sollte sofort die Polizei unter 110 gerufen werden.

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter 116016 an 365 Tagen rund um die Uhr erreichbar. Die Beratung ist anonym, kostenfrei und in 18 Fremdsprachen möglich. Auch Angehörige, Menschen aus dem sozialen Umfeld und Fachkräfte können sich beraten lassen. Zusätzlich steht eine Online-Beratung unter www.hilfetelefon.de zur Verfügung.

Hilfe in Potsdam bieten unter anderem:

Betroffene können sich während einer Behandlung im Klinikum Ernst von Bergmann jederzeit vertrauensvoll an eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter des Behandlungsteams wenden.

Weitere Informationen zur Medizinischen Kinderschutzambulanz des Klinikum Ernst von Bergmann